Mittwoch, 15. September 2010

Mehr Opfer brechen ihr Schweigen

LEIDENSWEGE Beim Weißen Ring melden sich zunehmend Opfer von Gewalt. Trotzdem lassen sich zu viele Betroffene peinigen, ohne sich Hilfe zu holen.

VON SUSANNE BÖHM
MECKLENBURG-STRELITZ. Ein junger Neustrelitzer wird immer wieder von Anhängern der rechten Szene zusammengeschlagen, erleidet jüngst sogar einen Messerstich. Zur Polizei geht er nicht – aus Angst vor Racheakten. Dass Opfer schweigen, erleben Manfred Dachner und seine 24 ehrenamtlichen Mitstreiter vom Weißen Ring Mecklenburg- Strelitz viel zu oft. „Es gibt im Landkreis die grausamsten Fälle, die viel zu lange unbemerkt bleiben“, sagte der Leiter der Opfer- Hilfsorganisation. Zumeist handele es sich um sexuellen Missbrauch und um häusliche Gewalt, wenn Gepeinigte jahrelang schweigen.
Umso wichtiger bewerteten die Mitglieder des Weißen Rings Mecklenburg- Strelitz bei ihrer jüngsten Versammlung die Begebenheit, dass sich in den vergangenen vier Wochen gleich zwei neue Fälle gemeldet haben. Eine Frau und ihr Kind, die über einen langen Zeitraum hinweg sexuell missbraucht wurden, hätten sich an die Helfer gewandt. Eine andere Frau, deren Mann immer wieder gewalttätig wurde, habe ebenfalls Kontakt aufgenommen. Sieben Fälle betreut die Mecklenburg- Strelitzer Außenstelle des Weißen Rings derzeit.
Wenn sich Opfer nach Jahren öffnen, sei das immer wieder auch dem Jugendamt des Landkreises zu verdanken. „Die Mitarbeiter dort arbeiten so kompetent und einfühlsam, dass sich immer mehr Betroffene melden“, so Manfred Dachner. Hätten vor Jahren jährlich zwei bis drei Opfer sexueller Straftaten Kontakt mit dem Weißen Ring aufgenommen, seien es in jüngster Vergangenheit zehn und mehr. Dennoch sei die Dunkelziffer viel zu hoch.
Manfred Dachner beschwört alle Gewaltopfer: „Es gibt nur eine Möglichkeit, Hilfe zu bekommen – sich zu öffnen.“ Wer weder den Weißen Ring noch die Polizei in Betracht ziehe, müsse sich an andere Personen wenden. Alles andere sei ein „Irrweg“. Die Angst vor Rachereaktionen sei meist unbegründet. „So etwas passiert sehr selten.“
Der Weiße Ring halte engen Kontakt zu den Betroffenen, berate, betreue, helfe auch finanziell schnell und unkompliziert. Bei Härtefällen häuslicher Gewalt könne die Polizei dem Täter ein 14-tägiges Hausverbot erteilen, schildert Dachner ein Beispiel. In dieser Zeit besorge der Weiße Ring dem Opfer eine neue Bleibe, begleite es zu Behördengängen, gebe wenn nötig Geld. „Viele Betroffene“ so Dachner, „wirken schon nach dem ersten Treffen zuversichtlicher.“
Wer mit dem Weißen Ring Kontakt aufnehmen möchte, erreicht Manfred Dachner über Telefon 0395 3681855.