Dienstag, 22. März 2011

Immer noch bleiben viele Opfer allein

dachnerGEDENKTAG Die Zahl der von Straftaten direkt Betroffenen stagniert in Neubrandenburg, 2010 waren es 687. Der Weiße Ring bietet seine Hilfe an.

VON REINHARD WEHDEN
NEUBRANDENBURG. Eine 76-Jährige, brutal niedergeschlagen, erlitt einen Schädelbasisbruch und musste jetzt zum dritten Mal operiert werden. Die Frau konnte im Winter keinen Einkauf erledigen, weil sie sich mit ihrem Rollator nicht auf die Straße traute. Von ihrer schmalen Rente kann sie aber keine Einkaufshilfe bezahlen oder gar eine Perücke, die sie eigentlich auch bräuchte. Selbst für ein Taxi, das sie zu Nachsorgeuntersuchungen ins Krankenhaus bringt, reicht ihr Geld nicht. Ein Helfer vom Weißen Ring bringt die Seniorin mit dem privaten Pkw dort hin und vermittelt Verbindungen zur Volkssolidarität. Dem Kriminalitätsopfer stehen Gelder aus der Staatskasse zu, doch der Antrag liegt schon sechs Monate im Versorgungsamt. Der Weiße Ring, der gemeinnützige Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten, läuft Sturm, wie der stellvertretende Landesvorsitzende Manfred Dachner sagt.

Heute wird der „Tag des Kriminaltätsopfers“ zum 19. Mal begangen, den Weißen Ring gibt es in der Bundesrepublik seit 35 Jahren; vor 20 Jahren wurde er, von Neubrandenburg ausgehend – Dachner ist Gründungsmitglied und Rainer Prachtl war der erste Landesvorsitzende – in M-V gegründet. „Trotzdem werden auch heute noch viele durch Kriminalität und Gewalt körperlich, seelisch und materiell geschädigte Menschen allein gelassen in ihrer Not. Weil wir von ihnen nichts wissen und sie nichts von uns. Oft gehen Opfer leer aus, weil sie aus den verschiedensten Gründen keine Hilfe in Anspruch nehmen oder nehmen können. Aus Scham, aus Unkenntnis oder weil sie aufgrund der Straftat lebensuntüchtig geworden sind, nur noch mit ihrem Elend zu kämpfen haben“, weiß Dachner aus praktischer Erfahrung.
Er selbst gehört zu den ehrenamtlichen Helfern des Vereins, der ohne Büros, Öffnungszeiten und Hauptamtliche auskommt und die Betroffenen zu Hause aufsucht. Wenn man denn von ihnen Kenntnis bekommt. Seit 2009 verpflichtet das Strafgesetz Polizei und Staatsanwälte auf Opferhilfe hinzuweisen, doch diese Pflicht werde manchmal vorbildlich – es gebe in Neubrandenburg sehr gute Beispiele –, manchmal aber auch mangelhaft wahrgenommen.
Die Opferzahlen sind landesweit rückläufig. Das gelte ebenso für das Gebiet des künftigen Großkreises Mecklenburgische Seenplatte. Von 2008 bis 2010 sanken sie von 3153 auf 2879. „Aber das ist kein Grund zur Euphorie, denn das sind die von der Statistik erfassten Opfer, die Dunkelziffer liegt viel höher“, schränkt Dachner ein. In der Viertorestadt stagniert die Zahl der Gesamtopfer (2008: 698, 2009: 680, 2010: 687) und die der unter 14- Jährigen ist sogar steigend von 42 auf 52 und 65 schließlich im vergangenen Jahr. Dabei geht es vor allem um Opfer von Rohheitsdelikten und von Delikten gegen die persönliche Freiheit.
Seit 1991 zahlte der Weiße Ring in Neubrandenburg, das zeigt die Statistik der von Barbara Straßenmeyer geleiteten Außenstelle, 82 850 Euro an Kriminalitätsopfer, um sie bei der Überwindung der Folgen der Straftat zu unterstützen. Im vergangenen Jahr leistete der Verein 4150 Euro Hilfe an 13 Opfer.
Telefon: 0395 5638660
www.weisser-ring.de