Dienstag, 10. Mai 2011

„Stärker einfordern, was uns zusteht“

bretschneider_portrtdachnerDISKUSSION Seniorentrainer hatten sich Kandidaten für den Landtag eingeladen und diskutierten mit ihnen politische Themen. Sie forderten mehr Hilfe fürs Ehrenamt.

VON CHRISTINA WEINREICH
NEUBRANDENBURG. Alle Landtagskandidaten, die von den Parteien in Neubrandenburg nominiert wurden, hatten sich kürzlich die Seniorentrainer ins Mehrgenerationenhaus/ Kontakteck eingeladen, um ihnen „Hausaufgaben“ mit auf den Weg zu geben, falls der Einzug ins höchste politische Gremium des Landes gelingen sollte. Gleichwohl wollten die reiferen Neubrandenburger auch erfahren, wie ihre Interessen vertreten werden und machten allen Politikern unmissverständlich klar: „26,5 Prozent der Neubrandenburger sind Senioren. Das ist ein erhebliches Wählerpotenzial. Verderben Sie es sich nicht mit uns“, meinte Ottomar Blum augenzwinkernd. Der Einladung zur Diskussion waren Renate Klopsch (Die Linke), Sylvia Bretschneider (SPD) und Manfred Dachner (parteilos, Liste SPD) gefolgt. Günter Rühs (CDU) und Jan Kuhnert (Die Linke) entschuldigten sich fürs Fernbleiben. Heinrich Nostheides (CDU) Platz blieb indes ohne Angaben von Gründen leer.

Neben Mindestlöhnen, Altersarmut, Bürgernähe und Rentenanpassung beherrschten vor allem zwei Themen die Diskussion und trieben den Adrenalinspiegel unter den Senioren bisweilen hoch: das Bildungspaket für Kinder und das Ehrenamt. „Es wird immer mehr ans Ehrenamt abgeschoben, das Hauptamt geht immer mehr verloren“, sagte Britta Gottschling, Vorstandsvorsitzende im Seniorenbüro. Der Arbeitsumfang Ehrenamtlicher nehme stetig zu, sie erledigten Arbeit, die früher bezahlt worden sei. Wenn die Entwicklung schon so sei, müsse wenigstens dafür gesorgt werden, dass das Ehrenamt noch machbar sei. Als Beleg für das Gesagte führte Ottomar Blum an, dass das Seniorenbüro 2005 noch mit 53 200 Euro gefördert worden sei, in diesem gebe es nur noch 15 000 Euro. „Seniorenarbeit wird immer mehr nach Kassenlage behandelt, obwohl die Zahl der Älteren wächst“, sagte Britta Gottschling. Sie habe den Eindruck, dass das Seniorenbüro stiefmütterlich behandelt werde. Am 27. April habe sie erst den Zuwendungsbescheid für die Mittel aus dem Rathaus erhalten, den Antrag dafür hatte sie bereits am 15. Juli 2010 gestellt. Bei anderen Vereinen in der Stadt sehe sie dies nicht so. Alle Vereine befänden sich in dem gleichen Dilemma und kündigten Leute, weil kein Geld kommt, widersprach jemand aus der Runde. Bei der Frage von Britta Gottschling, welche Möglichkeiten sie habe, das Seniorenbüro als eine feste Hausnummer in der Finanzplanung der Stadt zu verankern, hatten Klopsch und Bretschneider die Runde wegen anderer Termine bereits verlassen.
Manfred Dachner hielt es angesichts der Zunahme immer älterer und dabei noch recht agiler Neubrandenburger für sinnvoll, Bürgerarbeit Leuten anzubieten, die im Vorruhestand sind. „Die könnten sich dann noch etwas Geld dazu verdienen.“ So könnte auch drohender Altersarmut entgegen gewirkt werden. Wer in den Jahren nach der Wende kaum noch gearbeitet habe, steuere unweigerlich darauf zu, fürchtet er. Die teils „sittenwidrigen“ Löhne, die hier gezahlt würden, bewirkten ein Übriges. Deshalb müssten Mindestlöhne dringend gezahlt werden. Dass die Situation sich gesamtgesellschaftlich so darstelle, „das liegt auch an uns“, meinte eine Seniorentrainerin in der Runde. „Wir müssen einfach stärker einfordern, was uns zusteht.“
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Klartext wurde bei der Veranstaltung im Mehrgenerationenhaus/Kontakteck gesprochen: Seniorentrainer waren mit Landtagskandidaten im Meinungsaustausch.
FOTO: WEINREICH