Samstag, 20. August 2011

Zum Sterben in die Heimat gekommen

dachnerSCHICKSAL Hilmar Karwat hat Knochenkrebs. Er lebt von Woche zu Woche. Trotzdem strahlt er Freude aus. Sogar mit dem Zeichnen hat er angefangen.

VON INGMAR NEHLS
NEUBRANDENBURG. „Ich bin zum Sterben nach Neubrandenburg gekommen“, sagt Hilmar Karwat. Der 68-Jährige hat Knochenkrebs. „Ich hab im Leben immer meinen Mann gestanden und das will ich auch hier“, sagt der gelernte Betriebsschlosser und beeindruckt mit seinem Lebensmut sogar erfahreneHospizhelfer wie Manfred Dachner. Bei einer Nachtschicht hat er Hilmar Karwat kennengelernt und sich gleich bis in die Morgenstunden mit ihm über Gott und die Welt unterhalten. Bevor Hilmar Karwart hierher kam, bevor der Knochenkrebs ausbrach, kannte er Manfred Dachner nicht. Er wusste auch nicht, was ein Hospiz genau ist.

An diesem Morgen ist es sehr windig. Hilmar Karwat hatte Schmerzen in der Nacht. „Morgens hoppel ich wie ein Hase aus dem Bett“, scherzt er. In seinem Sessel nahe der Terrassentür hat er Platz genommen und blättert in einem roten Bilderband mit Schwarz- Weiß-Fotografien. „Neubrandenburg, wie es früher war“, lautet der Titel. Viele Motive sind Hilmar Karwart vertraut. 1947 kam er mit seinen Geschwistern und der Mutter als Flüchtling aus Breslau. In der Mühlholzstraße 8, einem ehemaligen Militär-Fliegerblock, sind sie untergekommen. Sein Erinnerungsvermögen ist verblüffend. „Ich weiß noch alles von der Kindheit an“, erzählt er stolz und lässt in kleinen Geschichten die verschiedensten Zeiten kurz aber detailliert aufleben. Fast jede Episode endet mit einem Scherz. Hilmar Karwat hat seinen Humor nicht verloren, obwohl oder vielleicht auch gerade weil er vieles ertragen muss. Vor elf Jahren stellten Ärzte einen bösartigen Tumor des Lymphsystems bei ihm fest. Es folgten Prostatakrebs und Knochenkrebs.
Dabei war Hilmar Karwat gerade dabei, auf dem Grundstück seiner Tochter in Schleswig-Holstein ein kleines Häuschen für sich und seine Frau zu bauen. Jetzt ist auch sie pflegebedürftig. Hilmar Karwat entschied sich, die berufstätige Tochter nicht mit der Doppelpflege zu überlasten und kehrte allein in die Heimatstadt zurück. „Ich telefoniere jeden Tag mit meiner Frau. Sie kommt auch bald zu Besuch“, sagt er. Für die Besucher hat Karwat ein paar Bierflaschen in seinem Fernsehschrank stehen. „Wer will, kann sich bedienen. Mich hat hier keiner vergessen“, sagt Karwat. Im Korb seines Rollators liegen noch eine Banane und eine Flasche vom letzten Einkauf im Netto-Markt. Trotz Schmerzen dreht er regelmäßig seine Runden. Früher ist der 68- Jährige mit seinem Bruder Siegfried sogar bei Volksläufen gestartet. „Der rennt, dass die Heide wackelt. Gewinnt regelmäßig in seiner Altersklasse“, sagt Hilmar Karwat mit Bewunderung. Neben seiner Familie kommen auch ehemalige Arbeitskollegen oft vorbei.
Dann legt er auch mal den Zeichenstift aus der Hand. Hilmar Karwat hat eine neue Leidenschaft entdeckt. In einer großen Mappe liegen seine Zeichnungen. „Ich hab mich erdreistet, den Albrecht Dürer nachzumalen“. Anregungen holt sich Karwat aus der Natur, seinen Erinnerungen und einem Buch. Mit Malen wolle er sich später beschäftigen. Dann wird das Gesicht ernst. „Ich lebe von Woche zu Woche“, sagt er mit stockender Stimme und wischt sich Tränen aus den Augen. Er schätze den Tag jetzt mehr als früher, möchte was aus jedem Tag machen. Mit seiner 83-jährigen Nachbarin hat er schon zwei Rundflüge über Neubrandenburg unternommen. Und die beiden wollen erneut abheben, sich die Heimat von oben angucken.
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Hilmar Karwat (links) zeigt dem ehrenamtlichen Hospizhelfer Manfred Dachner seine Zeichnungen. Das neue Hobby gibt ihm Lebensmut und Freude. Vorerst zeichnet er Dinge aus der Natur, seinen Erinnerungen oder kopiert die großen Meister. Die der Malerei will er später anpacken. FOTO: INGMAR NEHLS