Donnerstag, 30. Juli 2015

Neubrandenburger Zeitung: Ministerium schiebt den Polizeichef aufs Abstellgleis

Von Thomas Beigang 
Der Leiter der Polizeiinspektion Neubrandenburg, Siegfried Stang, soll künftig eine sogenannte Projektgruppe übernehmen. Weil er damit voll ausgelastet sein soll, übernimmt jemand anderes die Behörde. Das Innenministerium nennt das „Entlastung“.

NEUBRANDENBURG. Ist er es künftig noch oder doch nicht mehr richtig? Kriminaldirektor Siegfried Stang, Chef der Polizeiinspektion Neubrandenburg, soll ab dem 1. August die Leitung einer Projektgruppe übernehmen. Und sich dann der Umsetzung eines Abkommens über grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit der polnischen Polizei widmen. Eine so wichtige Aufgabe, heißt es auf Nachfrage im Schweriner Innenministerium, dass er von seinem Hauptamt, seine Behörde ist praktisch identisch mit der Fläche des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte, entlastet werden müsse. Die Aufgaben des Inspektionsleiters nehme künftig Stangs bisheriger Vertreter wahr.

Schon lange soll es dem Vernehmen nach in den Beziehungen zwischen Stang und seinen Vorgesetzten im Polizeipräsidium und im Innenministerium knirschen. Jüngster Beweis war die Kaltstellung des Beamten bei den polizeilichen Einsätzen während der NPD-Kundgebungen am 1. Mai in Neubrandenburg und am 8. Mai in Demmin.

Noch wenige Wochen zuvor war Stang der felsenfesten Überzeugung, bei den beiden Herausforderungen als polizeilicher Einsatzleiter zu fungieren und die Hunderten Beamten, die zum Schutz der Veranstaltungen abkommandiert waren, zu führen. Doch zum Einsatzleiter wurde der Chef des Polizeipräsidiums Neubrandenburg, Wilfried Kapischke, berufen. Für Stang selbst blieb bei den Einsätzen, beide in seinem unmittelbaren Verantwortungsbereich, so gut wie nichts zu tun.

„Stang gilt zu Recht als kritischer Geist“ 
Bei dem Inspektionsleiter, seit 2010 im Amt, stößt die Versetzung auf wenig Gegenliebe. Mit Rücksicht auf disziplinarische Konsequenzen will sich der Kriminaldirektor dazu aber nicht äußern. Dafür der Neubrandenburger Landtagsabgeordnete der SPD, Manfred Dachner. Der ehemalige Beamte war als Leitender Polizeidirektor lange Jahre Stangs Vorgesetzter und findet nur lobende Worte für seinen Ex-Unterstellten.

Sicherlich, so Dachner, könne man für die Aufgabe, die Koordination der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit mit den polnischen Polizeibehörden landesweit keinen besseren finden. Aber ob man es sich leisten könne, einen so erfahrenen und kompetenten Polizisten von der Leitung einer Inspektion abzuziehen, wage er doch zu bezweifeln. „Stang gilt zu Recht als kritischer Geist, der seinen Vorgesetzten gegenüber nicht immer bequem ist. Aber die Ergebnisse seiner Arbeit sprechen für ihn“, sagte Dachner dem Nordkurier. Und verweist auf die jüngste Kriminalstatistik Mecklenburg- Vorpommerns. Die Aufklärung von knapp 64 Prozent aller Straftaten im Jahr 2014 galt als die beste Rate im Land. Zudem sei die Zahl der Straftaten in Stangs Verantwortungsbereich im vergangenen Jahr um 14 Prozent gesunken.

Wie der Nordkurier erfuhr, habe Stang für einen möglichen Arbeitsrechtsstreit mit dem Ministerium den Rechtsanwalt Peter-Michael Diestel verpflichtet. Diestel war am Mittwoch für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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