Dienstag, 24. November 2015

Heute im Nordkurier | Pfarrer betet um Licht in Dunkelheit

Von Thomas Beigang
Der Marsch der MVgida-Bewegung durch das Vogelviertel und das benachbarte Reitbahnviertel hat der Kirche St. Michael ein Jubiläum beschert. Aber eigentlich ist der Pfarrer traurig und hätte sehr gern darauf verzichtet.

Ein Licht gegen die Dunkelheit. Die Frauen und Männer, die am Friedensgebet in der Kirche
St. Michael teilgenommen haben, zünden Kerzen an. FOTO: THOMAS BEIGANG
NEUBRANDENBURG. Jörg Albrecht, der Pfarrer der Gemeinde St. Michael in der Straußstraße, macht das zum ersten Mal: Ein Friedensgebet in seiner kleinen Kirche. „So etwas hat es hier seit der Wende nicht gegeben“, sagt der Gottesmann. Für Veranstaltungen solcher Art sei bislang nur Platz in der ungleich größeren Johannis-Kirche gewesen. Aber besondere Lagen erfordern besondere Maßnahmen. Und weil die Anmelder der MVgida-Demonstration ihren Marsch am Montag Abend eben für das Vogelviertel, in seiner unmittelbaren Nachbarschaft, veranstalten, hätten sich die Pfarrer Neubrandenburgs auf das Friedensgebet in „seiner“ Kirche geeinigt.

Weit mehr als 100 Frauen und Männer finden den Weg in das Haus. Und Pfarrer Albrecht empfängt sie mit den Worten: „Es wäre besser, wir müssten hier nicht sein“. Man wolle aber nicht tatenlos zusehen, was einige Straßen weiter passiert. „Wir wollen die Welt ein bisschen besser machen und Zeichen setzen gegen Menschenfeindlichkeit“, sagt der Pastor und bittet seine Gäste ein Licht anzuzünden und das mit zu nehmen „in die Dunkelheit“.

Ein paar Straßen weiter steht Jutta Wegner, die Kreisvorsitzende von Bündnis 90/Grüne. Die Frau ist stocksauer. Erst am Montag Nachmittag hat sie erfahren, dass die von ihr angemeldete Mahnwache im Vogelviertel vom Ordnungsamt der Kreisverwaltung nicht genehmigt worden sei. „Wir sollen uns hinter die Busschleife im Reitbahnweg stellen. Ins Niemandsland praktisch“, schimpft Wegner. Wer solle dort wahrnehmen, dass es Bürgerprotest gegen den MVgida-Marsch gebe?

Die Teilnehmer des Zuges, die „Merkel weg“ durchs Vogelviertel rufen und sich besorgt um die Zukunft der Kinder zeigen, müssen kurzfristig ihre geplante Strecke ändern. Hunderte Gegendemonstranten stehen an der Kreuzung Kranichstraße/ Fasanenstraße. Sicherheitshalber lenkt die Polizei die MVgida-Aktivisten um. In der Adlerstraße kommt der Zug trotzdem ins Stocken, die Polizei muss erst für einen freien Weg sorgen. Es habe am Abend kleinere Zwischenfälle gegeben, heißt es auf Nordkurier-Nachfrage am späten Abend bei der Polizei, die mit etwa 100 Einsatzkräften das Geschehen absicherte. An verschiedenen Plätzen mussten Personalien von Gegnern des Aufmarsches festgestellt werden – schwere Delikte wie Körperverletzungen oder Landfriedensbruch blieben allerdings bis zum Redaktionsschluss aus.

Rund 350 Teilnehmer zählt die Polizei beim MVgida- Aufzug – 200 weniger als bei deren Premiere vor vier Wochen in Neubrandenburg.

Kontakt zum Autor t.beigang@nordkurier