Freitag, 15. Januar 2016

Nordkurier: Der Gewalt Mitgefühl entgegensetzen

Eine junge Frau aus Neubrandenburger hatte angezeigt, in Greifswald vergewaltigt worden zu seien. Die Ermittlungen der Polizei widersprechen der Aussage allerdings. Aber wer kümmert sich eigentlich nach der Anzeige um die Opfer sexualisierter Gewalt?

von Thomas Beigang

Frauen, die Opfer sexualisierter Gewalt wurden, tun sich oft schwer über das Erlebte zu sprechen.
Gegenüber Männern noch mehr. Deswegen kümmern sich in Organisationen wie dem Weißen Ring
nur Frauen um die Betroffenen. Foto: Maurizio Gambarini
Neubrandenburg. Der Mann kennt das wie kein zweiter. Manfred Dachner (66) hat sich in seinem Leben eigentlich schon mehr als genug mit Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung auseinandersetzen müssen. Früher als Polizist, Dachner leitete bis zum Jahr 2010 die Polizeidirektion in Neubrandenburg, und darüber hinaus als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Weißen Rings. Die bundesweite Opferhilfsorganisation wurde dereinst sogar von Manfred Dachner in Mecklenburg-Vorpommern aus der Taufe gehoben.

Um die Opfer sexueller Gewalt sorgen sich in Neubrandenburg Vereine wie Quo Vadis, der betreut in der Viertorestadt auch das weit und breit einzige Frauenhaus, und der Weiße Ring. Dachner, der die Außenstelle der Organisation in Neubrandenburg leitet, weiß, das sich auch von seinen ehrenamtlichen Opfer-Begleitern nicht jeder oder jede dafür eignet, betroffenen Frauen Beistand zu leisten. „Wir verfügen aber über einige speziell ausgebildete Mitarbeiter.“ Und für die sei es zunächst ganz wichtig, in Erfahrung zu bringen, was das Opfer will. „Also“, sagt Dachner, „bleibt Zuhören die erste und wichtigste Aufgabe. Und selbst wenn die Frau alles 100 Mal erzählt, ganz egal. Wir hören zu.“ Dasein und Mitgefühl zeigen, der Mann vom Weißen Ring weiß, wie wichtig das für die Betroffenen ist. „Wir stellen auch keine Fragen zum Ablauf der Straftat oder gar nach möglichen Ursachen für die Tat.“ Das, winkt der Opferbegleiter ab, wäre Aufgabe der Polizei. „Wir versuchen, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.“ Wenn das gelingt, so Manfred Dachner, würden manchmal jahrelange Beziehungen zwischen Opfer und Beraterin bestehen bleiben. „Betroffenen Frauen fällt es dann oft sehr schwer, auch wieder loszulassen.“

Manfred Dachner, Mitbegründer
des Weißen Rings  Foto: SPD
Manchmal vergehen Jahre, bis das Opfer sich meldet 
Das Opfer müsse später sagen können, welche Hilfe es erwartet. „Viele der Betroffenen wollen gar keine Anzeige erstatten“, wundert sich Dachner aber gar nicht mehr. Denn Vereine wie der Weiße Ring erfahren nicht nur von der Polizei nach der Tat von dem Vorfall, wenn es das Opfer wünscht. „Manchmal kommen Frauen auch von allein auf uns zu oder Angehörige melden sich.“ Dachner hat ein aktuelles Beispiel parat. „Eltern haben sich Sorgen um ihre Tochter gemacht. Die kapselte sich immer mehr ab, ging nicht mehr raus. Wahrscheinlich ahnten die schon irgendwas Schlimmes. Jedenfalls haben die sich dann an uns gewandt und im Gespräch mit der Tochter stellte sich dann raus, dass sie von zwei Männern vergewaltigt wurde. Eine Anzeige aber auch hier Fehlanzeige. Die Scham und die erlittene Demütigung sind oft größer als das Verlangen nach Sühne.“

Der Weiße Ring vermittelt, sollten die Frauen das wünschen, auch den Kontakt zu professionellen Beratern wie Psychologen oder begleiten Frauen zum Arzt und bei nötigen Gängen zu Ämtern und Behörden. „Denn gemäß dem Opferentschädigungsgesetz muss in bestimmten Fällen der Staat für die Folgen der Straftat einspringen“, sagt der Außenstellenleiter des Weißen Rings. Das kann so weit gehen, dass die Opferhilfsorganisation deswegen im Interesse ihrer Klienten sogar schon den Weg über das Sozialgericht gehen musste, um die Ansprüche durchzusetzen.

Bei den Sexualdelikten reicht die Verjährungs-Spanne dabei bis zu 30 Jahren.“Manchmal sind in der Tat schon Jahre vergangen, bis sich die Opfer melden.“ Aber selbst dann würde beim Weißen Ring nicht darauf gedrängt werden, unbedingt Anzeige zu erstatten“, sagt Dachner. Denn über eines müssten sich die Opfer dann immer klar sein: Haben Polizei und Staatsanwaltschaft von der Angelegenheit erfahren, gibt es keinen Weg mehr zurück.

Frauen in emotionalen Ausnahmezuständen 
Im Jahr 2014 musste die Polizei in Mecklenburg-Vorpommern 1079 Straftaten gegen das Recht der sexuellen Selbstbestimmung registrieren. „Und das sind, ganz klar, nur die Taten, die auch angezeigt wurden“, so der ehemalige Polizeibeamte. „Etwa 20 Prozent der Opfer unterstützen wir auch, weil wir um Hilfe gebeten werden.“ Die tatkräftige Unterstützung, nicht gerechnet die menschlichen Zuwendungen, reichen beim Weißen Ring von finanzieller Unterstützung zur möglichen Milderung der Tatfolgen oder sogar der Organisation von Aufenthalten in Kurkliniken, um Abstand zur Tat gewinnen zu können. „Denn wir dürfen eines dabei nie vergessen“, sagt Manfred Dachner, „die betroffenen Frauen befinden sich einem einmaligen emotionalen Ausnahmezustand.“

Dachner selbst hat erlebt, dass Frauen, die Opfer geworden sind, sogar ihm den Handschlag verweigern. „Einfach nur deshalb, weil ich ein Mann bin.“ Deshalb, fast ausnahmslos, würden sich auch nur die Frauen unter den ehrenamtlichen Mitarbeitern beim Weißen Ring der Aufgabe stellen, betroffenen Frauen zur Seite zu stehen. „Das entspricht den Wünschen und Bedürfnissen der betroffenen Opfer.“

Kontakt zum Autor t.beigang@nordkurier.de