Dienstag, 26. Juli 2016

"Wie stark ist Deutschland durch den Terrorismus gefährdet?"

Ehemaliger BKA-Chef zu Gast beim Weißen Ring in Neubrandenburg

Nicht nur die letzten Bombenanschläge und Attentate in Würzburg, München, Ansbach waren Inhalt einer Podiumsdiskussion des WEISSEN RING e.V. Zum Thema "Wie stark ist Deutschland durch den Terror gefährdet?" referierte am Dienstag der ehemalige Präsident des BKA und Stellvertretende Bundesvorsitzende des WEISSEN RING e.V., Jörg Ziercke, in Neubrandenburg auf Einladung Manfred Dachners.

"Die Angst der Menschen, Opfer eines Terroranschlags oder eines Amoklauf es zu werden, steigt täglich.Auf der Angstskala der deutschen lag 2013 die Geldentwertung noch auf Platz 1. Jetzt wird dieser erste Platz durch die steigende Angst der Menschen, von Terroranschlägen betroffen zu werden, belegt. Obwohl die Gefahr, durch einem Autounfall getötet zu werden, um 73 % höher ist“, so der stellvertretende Landesvorsitzende des Weißen Rings, Manfred Dachner. "Dass diese Statistik kaum jemanden beruhigt, darüber sind wir uns allerdings auch alle im Klaren.“

Ziercke und Dachner haben noch vor wenigen Jahren in der Polizei dafür gekämpft, diese Gewaltstraftaten zu verhindern. Heute setzen sie sich im Kriminalitätsopferverein WEISSER RING e.V. dafür ein, dass Menschen, die unverschuldet Opfer einer Straftat wurden, vielseitig geholfen wird. Nämlich immer dann, wenn der Staat diese Straftaten nicht verhindern konnte.

Manfred Dachner: „Die Amokläufe der letzten Zeit sowie umfangreiche Forschungen zeigen deutlich auf, dass psychische Störungen und andere Auffälligkeiten, die diese Menschen zu Tätern werden lassen, viel früher erkannt werden müssen. Das beginnt im Elternhaus, setzt sich in der Schule, im Wohnumfeld fort und endet nicht im Freundeskreis. Einfache Parolen wie "Mehr Polizei!", "Härtere Gesetze!" und Forderungen nach deren konsequenteren Durchsetzung helfen gerade bei Selbstmordattentätern nicht viel weiter.

Bei der Terrorbekämpfung im Einzelfall schon. Allerdings nur dann, wenn intelligente Lösungen verstärkt werden, wie z. B. zusätzliche Spezialisten, technische Ausrüstungen, Datenbeschaffung und Speicherung, leichtere Eingriffsmöglichkeiten der Polizei. So wurde deutlich, dass das Bundeskriminalamt (BKA) eine extrem wichtige und erfolgreiche Arbeit bei der Aufklärung und Bekämpfung von Anschlägen in Deutschland leistet. Wie die Verhinderung des geplanten Trolley-Koffer-Anschlages 2006 in einem Regionalzug in Köln oder der Zündung eines Sprengsatzes 2007 im Luftfrachtverkehr über dem Mittelmeer durch drei Sauerländer belegen. Insgesamt gesehen gab es nur einen einzigen vollendeten Terroranschlag auf zwei US-Soldaten. 

v.l.: J. Ziercke, Schulleiterin R. Stieger, 
M. Dachner   -   Foto: J. Zanner
Darüber hinaus gibt es in Deutschland 501 so genannte Gefährder sowie 270 deutsche Rückkehrer aus dem Nahen Osten, die dem IS gedient haben und ihre Ideologie bei der Rückkehr nicht verändert haben. 140 deutsche Kämpfer sind im vom IS geführten terroristischen Krieg gestorben. Wer aus Deutschland und der EU kommt, dem traut man im so genannten Islamischen Staat nicht. Deshalb werden diese als Selbstmordattentäter oder an der direkten Front zum Sterben eingesetzt. Terror und Krieg des IS richten sich generell nicht – wie oft unterstellt wird – ausschließlich gegen so genannte Ungläubige. 97% aller Opfer sind Muslime.

Insgesamt ermittelt das BKA gegenwärtig gegen 1000 Beschuldigte und führt 700 Ermittlungsverfahren durch. Der Terror wird unser Leben noch lange begleiten. Wir stehen ihm aber nicht ohnmächtig gegenüber. Das haben Staat und Polizei mehrfach demonstriert.

Die Menschen rücken nach Anschlägen wie in München, Ansbach und anderswo enger zusammen. Genau das versuchen die Verbrecher zu verhindern und dies ist ihnen nicht gelungen. Angst zu haben, ist keine Schwäche. Sie kann zu Vorsicht, erhöhter Aufmerksamkeit und Vorbeugung führen. Angst sollte aber nicht unser Leben beherrschen, weil die Gefahr, Opfer eines Terroranschlags zu werden, tatsächlich verhältnismäßig gering ist.“